Liebe Patienten,

viele Menschen legen zu bestimmten Jahreszeiten eine Phase des Verzichtes ein, um z.B. zwischen Karneval und Ostern kein Fleisch zu essen, keinen Alkohol zu trinken odder Süßigkeiten wegzulassen. Das Fasten ist integraler Bestandteil des Lebens in praktisch allen Religionen und Kulturen. Das hat seinen Ursprung in der Notwendigkeit des Nahrungsverzichts aufgrund in der Geschichte der Menschheit regelmäßig vorkommender Knappheit von Nahrungsmitteln, z.B. nach dem Winter

Hier geht es nicht um das religiös motivierte Fasten, sondern ums Heilfasten, also den freiwilligen Verzicht auf feste Nahrung für eine bestimmte Zeit zu einem therapeutischen Zweck. Die Menschheit hat immer notgedrungen fasten müssen, nicht nur aus religiösen Gründen, sondern weil es phasenweise schlicht nicht genug Nahrung gab. Daß es heutzutage ein Überangebot an Nahrung gibt, war auch bei uns in der Vergangenheit nicht selbstverständlich. Fasten ist also für uns Menschen nichts Ungewöhnliches. Die Situation, ständig an Nahrung zu kommen, ist evolutionsgeschichtlich relativ neu.

Es geht dabei nicht vordergründig darum, Gewicht zu verlieren, obwohl dies meist ein willkommener Nebeneffekt ist. Die Idee ist eher, den Organismus von Verdauungsarbeit zu entlasten, die Zellen im Mangelzustand dazu zu bringen, überflüssige und schadhafte Eiweißstoffe (sog. Schlacken) loszuwerden und der Leber die Möglichkeit zur Entgiftung zu geben. Die Tatsache, daß es Schlackenstoffe gibt und daß diese beim Fasten abgebaut werden, ist unter Naturheilkundlern längst bekannt. 2016 lieferte der Japanische Forscher Yoshinori Ohsumi den Beweis hierfür und bekam den Nobelpreis für Medizin für seine Arbeit über die Autophagie der Zellen.

Autophagie bedeutet „selbst-fressen“ und beschreibt die Fähigkeit der Zellen,schadhafte und überflüssige Bestandteile aufzulösen, neu zu verwerten oder über den Zellzwischenraum zu entsorgen. Sozusagen ein Anti-Aging-Programm der Zelle, welches Entzündungen durch oxidativen Stress entgegenwirkt. Dieser Mechanismus wird durch Insulin gehemmt, welches hauptsächlich zur Verwertung von Kohlenhydraten, aber auch bei Proteinzufuhr ausgeschüttet wird. Durch dauernde Nahrungszufuhr bleibt der Insulinspiegel auf einem hohen Niveau und blockiert somit die Selbstreinigungfunktion.

Krebszellen können das übrigens nicht. Sie produzieren Wachstumsfaktoren, die die Zelle auf Unsterblichkeit programmieren und daher eine ständige Nährstoffzufuhr benötigen. Somit kann Fasten auch als Krebsprophylaxe und begleitende Krebstherapie therapeutisch genutzt werden. Der Krebs wird ausgehungert, gesunde Zellen verjüngen sich.

Ein anderer Effekt ist, daß während des Fastens der Körper umstellt auf Fettverbrennung. Die Zuckerspeicher in Gewebe und Leber sind begrenzt, sodaß die Leber beginnt, aus Fettsäuren sogenannte Ketonkörper herzustellen, die vor allem für das Gehirn als Nährstoff wichtig sind.

Früher war man der Ansicht, daß die Ketonkörper ein absolutes Notprogramm des Körpers in Hungerzeiten seien und irgendwie schädlich fürs Gehirn. Der normale Weg sei der Kohlenhydratstoffwechsel mittels Insulin.

Möglicherweise verhält es sich jedoch genau andersherum, und das Insulin stellt das Notprogramm dar. Was auch Sinn macht vor der Vorstellung, daß der Mensch in grauer Vorzeit Beeren finden musste, oder in geringem Umfang Wurzeln und Gräser verzehrte um überhaupt an Kohlenhydrate zu kommen. Hauptnahrungsbestandteile waren eher tierischer Herkunft und damit Fett- und Proteinreich. Wenn die Ketogenese also ein gefährliches Reserveprogramm wäre, müsste die Menschheit längst ausgestorben sein.

Daß überhaupt Kohlenhydrate in größeren Mengen verfügbar wurden, entwickelte sich erst mit der Seßhaftigkeit der Menschen und dem Beginn des Ackerbaus vor 10000 Jahren.

Ketonkörper haben entscheidene Vorteile gegenüber der Energiegewinnung aus Glucose. Sie bilden doppelt soviel Energie bei geringerem Sauerstoffverbrauch. Zudem erhöhen sie in den Zellen die Zahl der Mitochondrien, den Kraftwerken der Zellen. Und sie haben eine antientzündliche Wirkung auf Zellen. Daher erklärt sich die positive Wirkung des Fastens auf entzündliche Gelenkerkrankungen und der Effekt einer ketogenen Ernährung auf Nervenerkrankungen wie MS, Autismus, Parkinson oder Alzheimer.

Das Immunsystem wird durch Fasten ebenfalls beeinflusst. Es hat seine Basis zu 80% im Darm. Durch die Entlastung durch heruntergefahrene Verdauungstätigkeit werden auch in den Darmzellen die regenerativen Prozesse angeregt, sodaß auf vermeintliche oder reale Schadstoffe adäquater reagiert werden kann. Somit verbessern sich auch Allergien, da diese durch fehlgeleitete Immunzellen ausgelöst werden.

Der Darm hat vor allem beim Langzeitfasten eine besondere Bedeutung. Die Leber entgiftet sich über Gallensäuen, die in den Darm abgegeben werden. Damit dieser die Giftstoffe los wird, ist eine konsequente Darmsanierung notwendig. Das geschieht in der Fastenkur durch die anfängliche Gabe von Glaubersalz und regelmäßige Einläufe.

In einer Fastenkur nimmt man über eine Anzahl von Tagen lediglich etwa 300 kcal in Form von Brühe, Säften und ggf. leichten Suppen zu sich, dazu sehr viel Flüssigkeit als Wasser oder Tee. Nach einer Umstellungsphase fühlt man sich zusehends aktiver, wacher und entspannter. Der Hunger ist nach dem zweiten Tag verschwunden. Falls er wieder auftaucht, oder wenn Kopfschmerzen auftreten, hilft ein Einlauf sehr schnell.

Für eine Langzeit-Fastenkur sollte man sich jedenfalls als Anfänger in eine Fastenklinik begeben, die eine kontinuierliche ärztliche Betreuung ermöglicht. Gegenanzeigen gibt es wenige, allenfalls extremes Untergewicht oder Psychosen. Kinder, Schwangere und Stillende sollten auch nicht fasten. Erfahrene Faster können auch zuhause, sogar neben der Berufstätigkeit fasten und machen sich die Einläufe selbst. Die Dauer des Fastens ist variabel. Einige Tage sollten es schon sein, manche Leute fasten viele Wochen lang.

Das Fastenbrechen sollte vorsichtig erfolgen, um bei der erneuten Umstellung des Stoffwechsels keine Beschwerden zu bekommen. Es folgen einige Tage des Kostaufbaus mit leichter, vegetarischer Kost. Die Gefahr, danach in alte Ernährungsmuster zurückzufallen besteht natürlich, jedoch machen sich die meisten fastenden in dieser Phase Gedanken über sich und ihre Ernährung.

Begleitend zum Fasten werden Sport- und Entspannungsprogramme angeboten, bis hin zu Meditationen bei eher spirituell ausgerichteten Fastenprogrammen.

Die Spiritualität ist bei vielen ein wichtiger Bestandteil, aber keine Pflicht. Man entspannt sich auch so total. Es kommt aber vor, daß vergrabene Konflikte durch die Selbstfindung hervorgeholt werden. Daher bieten Kliniken auch eine psychologische Unterstützung an.

Alternativ zum Langzeitfasten bieten sich auch verschiedene Modelle des Intervallfastens an. Hierbei fastet man nicht über einen längeren Zeitraum, sondern zum Beispiel an zwei Tagen die Woche. Oder man nimmt jeden Tag nur an

8 Stunden Nahrung zu sich und fastet die restlichen 16 Stunden. In dieser Zeit nimmt man nur Flüssigkeit in Fom von ungesüßtem Tee, Wasser oder schwarzem Kaffee zu sich. Die oben beschriebenen Effekte der Zellerneuerung und der Fettverbrennung treten ca. 12 Stunden nach der letzten Nahrungsaufnahme ein. Somit gibt man dem Körper jeden Tag einige Stunden Gelegenheit zur Regeneration. Die Wirkung ist mehr Energie, bessere Stimmung, weniger Schmerzen, bessere Haut, weniger Unverträglichkeiten und eine stetige Gewichtsabnahme, wenn man in den acht Stunden einigermaßen darauf Acht gibt, was man zu sich nimmt. Hier kommt es vor allem auf die Kohlenhydrate an, die einerseits als langkettige KH als schwer verdauliche Ballaststoffe sinnvoll sind, andererseits kurzkettige KH in Form von Zucker oder Weißmehl, die sofort verwertet werden, leere Kalorien darstellen und durch den Insulinanstieg die Fettverbrennung blockieren. Zucker und Weißmehl haben auch Entzündungs-fördernde Eigenschaften. Das Intervallfasten ist auch in den normalen Alltagsrhythmus einzubauen und so dauerhaft durchzuhalten. Man kann z.B. auf das Frühstück verzichten und von 12 bis 20 Uhr essen.

Die positiven Effekte sind nicht so unmittelbar wie bei der Fastenkur, was durch die (fast) tägliche Wiederholung auf Dauer aber ausgeglichen wird.

Um es zusammenzufassen: Fasten tut gut! Man fühlt sich wie neu geboren. Fasten ist natürlich, weil es der menschlichen Natur entspricht. Und es ist gesund, da es Mechanismen der Zellerneuerung anregt. Es hilft gegen Übergewicht, wirkt gegen Entzündungen und gegen Stress. Darüberhinaus ist es lehrreich, weil wir uns mit unserem Körper auseinandersetzen und uns fragen:

Was brauche ich eigentlich wirklich?

In diesem Sinne…