Liebe Patienten!

Dieser Praxisbrief behandelt ein Thema, von dem gar nicht so wenige Menschen betroffen sind:

Laktasemangel: Laktose- bzw. Milchzuckerunverträglichkeit.

Laktase ist ein Enzym, welches in der Membran der Dünndarmschleimhaut vorkommt. Es spaltet den Zweifachzucker Milchzucker (Laktose) in die Einfachzucker Glukose und Galaktose auf, welche dann in die Blutbahn aufgenommen werden und zu einem Anstieg des Blutzuckers führen.

Dieses Enzym kann jedoch fehlen bzw. in nicht ausreichender Menge vorhanden sein. Entweder als angeborener Gendefekt, der sehr selten ist und schon in den ersten Lebenstagen in Erscheinung tritt, oder aber als vererbte Variante, bei der die Aktivität des Enzyms erst mit steigendem Lebensalter abnimmt.

Weitere Ursachen können Darmerkrankungen, Operationen oder Chemotherapien sein.

Die ererbte Variante ist gar nicht so selten, bei etwa 20% der Europäer ist die Enzymaktivität mehr oder minder eingeschränkt, sodaß bei unterschiedlichen Mengen aufgenommenen Milchzuckers Beschwerden auftreten können.

Von der Entwicklung der Menschheit her gesehen ist diese verminderte Aktivität sogar der Normalfall. Im Bauplan des Neandertalers war es gar nicht vorgesehen, daß sich Erwachsene von Milch ernähren. Die Ausstattung mit Verdauungsenzymen hatte ein ganz andere Ausrichtung. Der Beginn der Viehhaltung und Wanderungsbewegungen führten erst vor ca. 8000 Jahren zu Mutationen des menschlichen Genoms, wobei sich die dann bleibende Enzymaktivität als Evolutionsvorteil herausstellte. Somit konnten die Menschen nämlich das Vitamin D aus der Milch verwerten, das der Körper unter der geringeren Sonneneinstrahlung in Nordeuropa sonst nicht in ausreichender Menge selbst hätte herstellen können.

Der Laktasemangel ist daher auch bei blonden, hellhäutigen Menschen seltener anzutreffen. Ein erwachsener Sizilianer hingegen würde gar nicht auf die Idee kommen, größere Mengen Milchprodukte zu sich zu nehmen. In Schwarzafrika oder Südostasien ist die Laktoseintoleranz bei bis zu 98% der erwachsenen Bevölkerung absolut normal. Schätzungsweise liegt bei der Hälfte der Weltbevölkerung ein Laktasemangel vor.

Beschwerden und ihre Ursachen

Das Enzym Laktase soll den Milchzucker schon im Dünndarm aufspalten, damit er dort von der Darmwand aufgenommen wird. Unterbleibt diese Reaktion, gelangt der Milchzucker in den Dickdarm, wo er von den dort angesiedelten Bakterien verdaut wird. Die Folge ist die Produktion von Gasen, welche Bauchschmerzen und Blähungen verursachen. Zudem ändert sich das natürliche Gleichgewicht der Bakterienflora, was als Durchfall in Erscheinung tritt. Als untypische Symptome können auch Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen oder Hautprobleme auftauchen.

Bei welchen Mengen von Milchzucker Beschwerden auftreten, ist bei jedem Individuum unterschiedlich, denn eine gewisse Restaktivität des Enzyms ist meistens noch vorhanden. So wird ein Glas Kuhmilch nicht vertragen, für die Verdauung des Milchzuckers in einer Tablette reicht es aber aus.

Auch beinhalten Milchprodukte eine unterschiedliche Menge von Milchzucker. Bei der Fermentierung von Milch wird nämlich der Milchzucker von Mikroorganismen verdaut. Grundsätzlich gilt, daß je länger der Prozeß dauert, desto weniger Milchzucker ist noch enthalten. Somit ist ein alter Gouda möglicherweise besser verträglich als Frischkäse.

Aber nicht nur in Milchprodukten ist Milchzucker enthalten. Er ist fester Bestandteil im Baukasten der „Food-Designer“. In der Lebensmitteltechnik wird er weniger zum süßen, sondern eher für das „Mundgefühl“ verwendet. Praktisch jedem Fertiggericht ist eine spürbare Menge Laktose beigemengt, Dank der Kennzeichnungspflicht wenigstens auf der Verpackung angegeben. Auch viele Wurstwaren, Getränke, Süßigkeiten, Gewürzmischungen, Fleischzubereitungen oder Bäckereiprodukte enthalten Milchzucker.

Diät und Diagnostik

Der erste Schritt zur Diagnosefindung besteht in der Milchzuckerdiät: Einfach mal eine Woche eine Laktose-freie Ernährung durchhalten, was sicher nicht ganz einfach ist. Wenigstens konkret Milchprodukte und industriell hergestellte Lebensmittel weglassen! Werden die Beschwerden dadurch besser bzw. setzen sie bei der erneuten Aufnahme von Milchzucker wieder ein, ist der Beweis praktisch erbracht.

Eine weitere Möglichkeit ist die Durchführung eines Laktose-Toleranz-Tests. Hierzu kommen Sie morgens nüchtern in die Praxis und nehmen 50g Laktose aus der Apotheke ein. In den folgenden zwei Stunden wird mehrfach der Blutzuckerspiegel gemessen. Bleibt ein Anstieg der Glukose nach Aufnahme von Laktose aus, und kommt es möglicherweise zu Unwohlsein oder Durchfall, reicht die Enzymaktivität nicht aus und der Test ist positiv auf das Vorliegen einer Laktoseunverträglichkeit.

Lebenslange Diät?

Ein klares jein. Wie eingangs erwähnt, ist daß Ausmaß des Enzymmangels sehr unterschiedlich. So wird das Joghurt zum Frühstück noch problemlos verdaut, die Fertigsoße in der Kantine auch noch, der Pudding als Nachtisch macht mit dem Schokoriegel als Zwischen-mahlzeit und dem Milchshake in der Freizeit jedoch Probleme. Hier ist die Restaktivität des Enzyms Laktase schlicht und einfach der großen Menge Milchzucker unterlegen.

Was also tun?

Sicherlich wäre es konsequent, möglichst ganz auf die Zufuhr von Milchzucker zu verzichten. An dieser Stelle darf nicht unerwähnt bleiben, daß das Vorhandensein des Milchproteins durch eine Beeinflussung des Vitamin D-Stoffwechsels die Calziumaufnahme möglicherweise eher hemmt als fördert. Es ist offenbar so, daß uns die Werbewirtschaft mit dem Saubermann-Image der Milch einen Bärendienst erwiesen hat.

Möglicherweise wird sich die Erkenntnis durchsetzen, daß Milchproteine für noch viel mehr Krankheiten verantwortlich zu machen sind. Die Häufigkeit von Osteoporose auf der Welt deckt sich mit dem Milchkonsum: Wo viel Milch getrunken wird, ist Osteoporose häufiger anzutreffen.. Brust- und Prostatakrebs übrigens auch. Pflanzliche Calziumquellen sind tierischen im Zweifel also vorzuziehen. Calziumhaltiges Mineralwasser ist auch wichtig. Vermutlich entsteht Osteoporose auch nicht durch einen Mangel an Calzium, sondern einem Zuviel an Phosphat. Dieses ist ein Gegenspieler im Knochenstoffwechsel. Natürliche Phosphate kommen in der Ernährung vor, das Problem sind aber künstliche Phosphorverbindung, die in der Fleischindustrie als Pökel- und Würzmittel in haltbaren Wursterzeugnissen Verwendung finden. In Schmelzkäse und Cola findet sich auch reichlich Phosphor.

Bezüglich des Problems mit dem Milchzucker hat es sich auf jeden Fall als sinnvoll erwiesen, zunächst mit einer radikalen Milchzuckerdiät zu beginnen, bis die Beschwerden erst mal abgeklungen sind. Dann kann man sich langsam herantasten an die Speisen, auf die man am wenigsten verzichten möchte. Es gibt auch ein wachsendes Angebot von Produkten auf pflanzlicher Basis.

„Laktosefrei“ ist die Milch nur durch noch einen weiteren industriellen Schritt, nämlich der Zugabe von dem industriell hergestellten Enzym Laktase.

Die meisten reiferen Käse sind ohnehin laktosefrei, da der Milchzucker durch die Reifung mikrobiell abgebaut wurde und benötigen daher eigentlich keine gesonderte Auszeichnung. Aber es verkauft sich deutlich besser und ist teurer.

Sparen sollten Sie sich jedoch auf jeden Fall den Milchzucker in Fertiggerichten. Achten sie darauf, was sie und ihre Familie zu sich nehmen.

Bleiben sie gesund!