Liebe Patienten,
in diesem Brief soll es um Weizen als potentiell schädliches Lebensmittel gehen.

Weizen macht einen wesentlichen Teil unserer täglichen Ernährung aus. Brot und Nudeln sind Grundnahrungsmittel, fast sämtliche Backwaren werden aus Weizen gemacht und darüberhinaus findet er sich in nahezu jedem industriell hergestellten Lebensmittelprodukt.

Viele Menschen haben jedoch Probleme mit der Verdauung beim Verzehr von Weizenprodukten. Zum einen gibt es die Gluten-Unverträglichkeit, auch Zöliakie oder einheimische Sprue genannt. Hierbei ist das Gluten, ein Klebereiweiß im Weizen, für die Beschwerden verantwortlich. Durch eine genetische Veranlagung kommt es bei dieser Autoimmunerkrankung zu Schädigungen in der Darmschleimhaut. Dort sind Gewebeveränderungen mikroskopisch nachweisbar. Auch Bluttests zeigen eine Zöliakie an. Mit 1:500 bis 1:100 ist diese Erkrankung gar nicht selten, aber nur bei den wenigsten Betroffenen finden sich typische Symptome. Die meisten haben wenige bis gar keine Beschwerden.

Zum anderen gibt es die Weizensensitivität. Hierbei handelt es sich nicht um eine Allergie gegen Gluten, sondern eine Unverträglichkeit von anderen Inhaltsstoffen, für die es bisher keine gesicherten Erkenntnisse gibt. Man vermutet Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATIs), die zu einer Aktivierung des angeborenen Immunsystems führen.

Der heutige Weizen hat mit dem Urgetreide, auf das wir über viele Tausend Jahre genetisch eingestellt waren, nicht mehr viel gemein. Im Zuge der Ertragsoptimierung in der Landwirtschaft wurden erst in den letzten 50 Jahren Sorten gezüchtet, die resistent sind gegen Schädlinge, die rationell bei 60 cm Höhe mit dem Mähdrescher geerntet werden können und sich im weiteren Produktionsprozeß leicht weiterverarbeiten lassen.

Die Kreuzungen führten dazu, daß sich die Chromosomenzahl der Pflanze verändert hat. Statt 14 Chromosomen wie im Einkorn hat der moderne Weichweizen derer 42. Auf den Chromosomen liegt die DNA, in der Syntheseinformationen für Eiweißmoleküle gespeichert sind. Im Prinzip können somit Proteine codiert werden, die man (noch) nicht kennt, weil es theoretisch unendlich viele Möglichkeiten gibt, was diese Eiweißstoffe für eine Struktur haben und wie sie auf uns wirken. Die allermeisten Proteine werden durch die Spaltwerkzeuge im Verdauungssaft folgenlos zu Peptiden zerlegt, welche als Nahrung dienen. Andere haben aber möglicherweise eine Wirkung im Stoffwechsel, die wir überhaupt nicht erfassen können. Auch entstehen erst durch die Zerlegung durch eben jene Proteinasen neue Peptide, die körpereigenen Botenstoffen ähneln und die Funktion von Organen beeinflussen. Gluten-Peptiden werden opioide Eigenschaften nachgesagt, d.h. sie beeinflussen die Hirnleistung und machen süchtig.

Wie jede Pflanze enthält auch Weizen Lektine. Diese Glykoproteine haben alle Pflanzen durch Evolution oder Züchtung zum Schutz vor Schädlingen entwickelt. Lektine können jedoch beim Menschen an körpereigene Strukturen andocken und diese schädigen. Das Weizenlektin WGA (wheat germ agglutinin) ist besonders aggressiv und dazu noch hitzestabil, während viele Gemüselektine harmlos sind und durch Kochvorgänge abgebaut werden. Leider werden die Weizenlektine weder durch saures Magenmilieu noch durch die Verdauung abgebaut. Sie schädigen Darmschleimhaut und Darmzellen und gelangen ins Körperinnere: Dort verstärken die Lektine Entzündungsreaktionen, stören den Muskelaufbau, greifen Gelenkstrukturen an und schwächen unser Immunsystem.

Möglicherweise können Fremdproteine, für die wir keine speziellen genetisch überlieferten Enzymwerkzeuge besitzen, einen Fehlreiz für das Immunsystem auslösen, woraufhin dieses anfängt, gegen körpereigene Strukturen tätig zu werden. Bei verschiedenen Autoimmunerkrankungen erklärt man sich so deren Enstehung. Im Darm selbst könnten so Verdauungsbeschwerden entstehen oder chronisch-entzündliche Darmerkarnkungen ausgelöst werden, aber auch Hauterkrankungen wie Neurodermitis oder Rosazea, Gelenkbeschwerden und selbst psychische Störungen wie Depressionen sind als Folge einer Wirkung von unbekannten Proteinen denkbar. Auch bei Demenz wird die Zufuhr von schädigenden Eiweißstoffen, auch Kasein aus Milchprodukten, als Ursache angenommen.

Weizenstärke hat wie Zucker einen direkten Einfluß auf den Blutzucker. Schon im Mund werden beim Kauen durch den Speichel Stärkebausteine in Zucker aufgespalten. So lassen z.B.helle Brötchen aus Weißmehl die Blutglucose rapide ansteigen. Insulin wird ausgeschüttet, damit der Zucker in die Zellen aufgenommen wird und nach kurzer Zeit sinkt die Blutglucose wieder ab. Vollkornprodukte mindern diesen Effekt zwar ab, da die Stärke wegen der übrigen Bestandteile des Getreidekorns nur verzögert aufgespalten wird. Im Prinzip findet aber die gleiche Kohlenhydrat-Achterbahnfahrt statt. Die Folge ist erneuter Heißhunger.

„Schon wieder etwas, daß man nicht essen darf!“ werden sich viele denken. Aber vielleicht gehören sie ja zu den Menschen, die unerklärliche Symptome irgendeiner Art haben, aber eigentlich nur den Weizen nicht vertragen. Einen Versuch ist es auf jeden Fall wert.

Kein Brot, keine Nudeln, keinen Kuchen, keine Kekse. Das klingt erstmal erschreckend, ist aber machbar. Denn es gibt Alternativen: Grundsätzlich können Sie zu glutenfreien Produkten greifen, die es in jedem besser sortierten Supermarkt gibt. Aber die meisten von uns essen sowieso zuviele Kohlenhydrate, da können wir den Hebel sinnvollerweise gleich bei Weizenprodukten ansetzen. Man muß also nicht unbedingt jedes Weizenlebensmittel durch ein Weizen-freies ersetzten, sondern kann es einfach weglassen. Das führt als Nebeneffekt noch zu einer Gewichtsabnahme.

Es gibt andere Getreide oder sog. Pseudo-Getreide, die verwendet werden können: Mais, Hirse, Quinoa, Hafer, Buchweizen, um nur einige zu nennen. Roggen hat ebenfalls aggressive Leptine, mit ähnlicher Wirkung wie Weizen. Bei Dinkel gibt es unterschiedliche Sorten, von denen einige dem Weizen sehr ähnlich sind. Bei einem Auslaßversuch würde man daher auch den Dinkel zunächst weglassen, um ihn später wieder zu versuchen. Roggen und Dinkel sind auch nicht glutenfrei. Die Auslaßdiät ist die Methode der Wahl, zu einer Diagnose zu kommen.Im Gegensatz zur Zöliakie gibt es keinen Bluttest. Auf Weizen verzichten kann aber auch Stress bedeuten. Für manchen fühlt es sich an, als würde man mit dem Rauchen aufhören. Aber auch hier ist es nach ein paar Tagen geschafft. Wenn langsam Symptome verschwinden, hat man schon einen deutlichen Hinweis auf das Vorliegen einer Unverträglichkeit. Wenn man nach einiger Zeit wieder Weizen zu sich nimmt, und die Symptome kehren zurück, ist der Beweis praktisch erbracht.

Die praktische Umsetzung ist schwierig, wenn man nicht auf Backwaren verzichten will. Im Buchhandel gibt es aber schon einige Backbücher mit genau diesem Thema. Das Problem ist, daß wir gewöhnt sind an Produkte, die die gewisse Konsistenz haben, welche man nur mit den Backeigenschaften von Weizenmehl produzieren kann. Ernährung ist gelerntes Verhalten. Und was man gelernt hat, kann man auch wieder umlernen.